Russland bombardiert Städte, immer mehr Menschen fliehen

Hunderttausende Menschen leiden in der belagerten ukrainischen Hafenstadt Mariupol. Derweil fliehen immer mehr Menschen aus ihren Wohnorten. Nahe Kiew gerieten Flüchtende unter russischen Beschuss. 

Es ist Tag 11 seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine. Russische Truppen setzen die Kämpfe in unverminderter Härte fort, zahlreiche Menschen fliehen aus dem Land. Der Tag im Überblick: 

Brennpunkt Mariupol

Die Rettung von Hunderttausenden Zivilisten aus der von Russland belagerten ukrainischen Hafenstadt Mariupol ist auch am Sonntag gescheitert. Ursprünglich war die Evakuierung von 10 Uhr bis 21 Uhr (Ortszeit; 9 Uhr bis 20 Uhr MEZ) vereinbart worden. Medienberichten zufolge sollen lediglich 300 Menschen die Stadt verlassen haben, geplant waren Zehntausende. Die Ukraine und Russland werfen sich gegenseitig vor, die Waffenruhe nicht eingehalten zu haben. Mariupols Bürgermeister Wadym Boitschenko sprach im ukrainischen Fernsehen von einer “humanitären Blockade” durch russische Einheiten. Er flehe um die Errichtung eines Korridors, um Ältere, Frauen und Kinder aus der Stadt mit rund 440.000 Einwohnern zu bringen.

Schüsse in Mariupol: Die Hafenstadt sollte bereits zweimal evakuiert werden, doch die Versuche scheiterten. (Quelle: Evgeniy Maloletka/AP/dpa)

Bereits am Samstag war eine Evakuierungsaktion gescheitert. Laut dem Internationalem Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) ist die Situation für die Zivilisten dramatisch: Sie brauchen dringend Wasser, Essen und Unterkünfte. “Die gescheiterten Versuche gestern und heute” zeigten, dass es keine detaillierte und funktionierende Vereinbarung zwischen den Konfliktparteien gebe. Das Komitee ruft dazu auf, dringend die Voraussetzungen zu schaffen, dass Zivilisten evakuiert und Hilfsgüter in die Stadt gebracht werden können. 

Ukraine meldet militärischen Druck auf Kiew

Der ukrainische Generalstab sieht den Hauptfokus der russischen Angreifer neben Mariupol weiter in der Umzingelung der Hauptstadt Kiew, der Millionenmetropole Charkiw im Osten und der Stadt Mykolajiw im Süden. Russische Einheiten versuchten, in die südwestlichen Außenbezirke von Kiew einzudringen und näherten sich der Autobahn nach Boryspil, wo Kiews internationaler Flughafen liegt. Russland plane zudem die Einnahme des Wasserkraftwerks Kaniw rund 150 Kilometer südlich von Kiew am Fluss Dnipro und habe einen Flughafen im westukrainischen Gebiet Winnyzja zerstört. Nach ukrainischen Angaben soll bei russischem Beschuss der Fernsehturm in Charkiw beschädigt worden sein, die TV-Übertragung fiel vorübergehend aus. 

Das russische Verteidigungsministerium meldete den Vormarsch der russischen Armee und der von ihr unterstützten Separatisten im Osten der Ukraine. Russische Streitkräfte und prorussische Separatisten brachten nach eigenen Angaben mehr als ein Dutzend Ortschaften unter ihre Kontrolle. Zugleich meldete die russische Seite ukrainische Angriffe auf die selbst erklärten “Volksrepubliken” Luhansk und Donezk und kündigte Angriffe auf die ukrainische Waffenindustrie an. Die Angaben beider Seiten können nicht unabhängig überprüft werden.

Zivilisten in der Stadt Irpin nahe Kiew: Die UN haben bislang 364 getöteten Zivilisten registriert. (Quelle: Carlos Barria/Reuters)

Berichte über russischen Beschuss auf fliehende Zivilisten

Auch Irpin, eine kleine Stadt nahe Kiew, wurde unter Beschuss genommen. Russische Truppen haben dort einem Bericht der “New York Times” zufolge Mörsergranaten auf eine Brücke geschossen, über die Zivilisten flüchten wollten. Die vor Ort anwesende Journalistin Lynsey Addario berichtet, dass mindestens drei Menschen dabei ums Leben kamen. Laut dem Bürgermeister Oleksandr Markushin starben insgesamt acht Menschen. 

Mehrere hundert Menschen hatten sich laut dem Bericht der “New York Times” an dem Ort versammelt, um über eine Behelfsbrücke zu fliehen. Auch einige ukrainische Soldaten waren demnach anwesend, um den Flüchtenden zu helfen. Als der Beschuss begann, versuchten sich die Menschen in Sicherheit zu bringen. Laut der Journalistin Addario kamen zwei Kinder und deren Mutter ums Leben, der Vater wurde schwerverletzt. Weiteren Berichten zufolge starb auch der Mann kurze Zeit später.

Die Leichen von Menschen liegen in auf der Straße: Die russischen Truppen setzten den Beschuss der eingekesselten Städte fort. (Quelle: Diego Herrera Carcedo/AP/dpa)

Nach UN-Angaben wurden in dem Krieg bislang mindestens 364 Zivilisten getötet – darunter 41 Kinder. Nach amerikanischen Angaben sterben pro Tag zudem hunderte russische Soldaten. US-Zahlen zu ukrainischen Verlusten gab es nicht.

Sorge um möglichen Luftangriff auf Odessa 

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warf Russland vor, die Bombardierung der historischen Hafenstadt Odessa am Schwarzen Meer vorzubereiten. Die südukrainische Stadt mit knapp einer Million Einwohnern war bislang von den Kämpfen weitgehend ausgenommen. “Sie bereiten die Bombardierung von Odessa vor. Odessa!”, sagte Selenskyj in einer Videobotschaft. “Das wird ein Kriegsverbrechen, das wird ein historisches Verbrechen.”  

Auch der französische Präsident Emmanuel Macron zeigte sich in seinem jüngsten Telefongespräch mit dem russischen Staatschef Wladimir Putin besorgt über einen möglicherweise kurz bevorstehenden Angriff auf die Hafenstadt Odessa. Das teilt das Pariser Präsidialamt mit. 

Odessa bereitet sich auf den Angriff Russlands vor. (Quelle: Le Pictorium/imago images)

“Wir müssen nach draußen gehen!”

Selenskyj forderte seine Landsleute in einer neuen Videobotschaft zum Widerstand gegen die russischen Truppen auf. “Wir müssen nach draußen gehen! Wir müssen kämpfen! Wann immer sich eine Gelegenheit bietet.” Wie auch in den Tagen zuvor, kam es auch am Sonntag zu Protesten gegen die russische Invasion. Bei einer Demonstration in der bereits besetzten südukrainischen Stadt Nowa Kachowka sollen dabei fünf Menschen von russischen Soldaten angeschossen worden sein. Das berichtete die ukrainische Nachrichtenagentur Interfax unter Berufung auf Augenzeugen. Der Bericht kann derzeit nicht überprüft werden. 

Die Regierung in Kiew erneute ihre eindringlichen Bitten an den Westen, die Sanktionen gegen Russland zu verschärfen und Waffen zu liefern, darunter auch Kampfflugzeuge russischer Bauart, die von der ukrainischen Luftwaffe geflogen werden. Die Bitte Selenskyjs, eine Flugverbotszone über der Ukraine einzurichten, lehnt die Nato ab, die nicht in den Krieg hineingezogen werden will. Putin drohte Ländern mit schweren Konsequenzen, sollte sie der ukrainischen Luftwaffe gestatten, ihre Flughäfen für Angriffe zu nutzen. Polen hatte bereits wiederholt abgelehnt, eigene Kampfjets sowjetischer Bauart in die Ukraine zu liefern. US-Außenminister Antony Blinken jedoch kündigte an, mit Polen darüber weiter im Gespräch zu sein. 

Delegationen aus der Ukraine und Russland bereiten unterdessen sich auf eine dritte Verhandlungsrunde vor. Zuletzt hieß es, dass diese an diesem Montag beginnen könne. 

“Am schnellsten wachsende Flüchtlingskrise seit dem 2. Weltkrieg”

Ein ukrainischer Soldat trägt ein Kind: Millionen von Menschen fliehen aus der Ukraine. (Quelle: Le Pictorium/imago images)

Nach mehr als einer Woche Krieg fliehen immer mehr Ukrainer aus ihrer Heimat – vor allem in EU-Länder. Nach aktuellen Schätzungen der UN-Flüchtlingshilfsorganisation UNHCR sind bereits mehr als 1,5 Millionen Menschen geflohen. “Dies ist nun die am schnellsten wachsende Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg”, teilte das UNHCR mit. Allein im ukrainischen Nachbarland Polen sind nach Angaben des Grenzschutzes seit Kriegsbeginn rund 964.000 Flüchtlinge angekommen.

Auch in Deutschland stieg die Zahl der ukrainischen Kriegsflüchtlinge am Wochenende weiter deutlich: Nach Angaben des Innenministeriums registrierte die Bundespolizei bis Sonntag deutschlandweit 37.786 geflüchtete Ukrainer und damit fast 10.000 mehr als am Vortag. Bundeskanzler Scholz äußerte sich nach seinem Treffen mit EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen lobend über die europäische Solidarität: “Es ist gut und eben nicht selbstverständlich, dass alle EU-Staaten gemeinsam, schnell und unbürokratisch Kinder, Frauen und Männer aufnehmen.”

Scroll to Top